Jahr verabschieden

Liebe Leserinnen und Leser,

ich habe harte zeiten hinter mir. Das klingt jetzt als ob ich überzeugt davon bin alles erledigt, alles geschafft,
alles ist gut. Nee, so sicher bin ich mir da wirklich nicht! Seit 2005 kenne ich Depressionen im eigenen Körper,
glaubt mir so bösartig ich auch sein kann, Depressionen wünsche ich Niemandem. In den wirklich akuten
Phasen meiner depression, saß ich auf meiner couch, wußte was ich zu tun hatte und war doch unfähig mich
zu erheben. Ich habe alles und wenn ich alles schreibe, meine ich auch alles, schleifen lassen. Ich habe mich
um nichts mehr gekümmert, Termine wurden von mir nicht wahrgenommen. Kontakte oder gar Freundschaften
nicht gepflegt. Ich habe meine Wohnung verkommen lassen, nicht nur das ich nicht aufgeräumt hätte, nein
ich habe sie tatsächlich auch verdrecken lassen. Der Müll stapelte sich in Plastiktüten in der ganzen Wohnung.
Oberflächlich also nicht hinterfragt, wollte ich sterben. Glaubt mir tief in mir drinnen, wollte ich das zu keinem
Zeitpunkt in meinem Leben! Tief in mir drinnen war ich zu keinem Zeitpunkt in meinem Leben auch nur in
der Nähe von Selbsttötung! Heute weiß ich das aber es gab eben auch Monate, da wußte ich das nicht. Da dachte
ich wirklich, ich hätte keine Daseinsberechtigung und wer immer für Leben und Tot verantwortlich ist, der sollte
mich endlich abberufen. Gruselig solche Empfindungen in Worte zu fassen.

Wahrscheinlich werde ich immer mal wieder einige Episoden aus dieser schwarzen Zeit berichten. Jetzt möchte
ich dazu nur noch schreiben, Ich bin dabei vieles wieder in Ordnung zu bringen. Ich habe noch Massenhaft zu tun
und leider muss ich gestehen, was ich auch alles schon geschafft habe, meine Wohnung ist noch immer nicht ok!
Doch ich weiß, auch das bekomme ich wieder hin.

Für mich habe ich mir vorgenommen, die geneigten Leserinnen und Leser zu benutzen. Ich bin so frei, auf den einen
oder anderen guten Rat zu hoffen. Ich rauche übrigens seit 8 Wochen nicht mehr. Jetzt habe ich nicht so ganz die
Wahrheit geschrieben. Ich dampfe, electro Zigaretten, wesentlich weniger als Tabakzigaretten. Ja so schnell kann
alles gehen wenn man es wirklich will, ich bin sogar stolz auf mich.

Inzwischen schreiben wir schon das Jahr 2017, die Computeria ist Geschichte und ich krabble zurück ins Leben

Wir haben es versucht, ernsthaft versucht und doch leider nicht geschafft. Festgestellt werden muss allerdings auch,
es hatte keinerlei störenden Einfluss auf das übrige Weltgeschehen. Die Erde dreht sich weiter,
und der Laden in dem die Computeria gewirkt hatte steht noch immer leer!

Irgendwann meine ich schon geschrieben zu haben, Depressionen sind mir leider nicht fremd. 2005 ging es mir längere
Zeit auch schon echt nicht gut und ich machte eine Therapie. Habe allerdings die Behandlung ganz offensichtlich viel zu früh
abgebrochen und mich für gesund gehalten. Was ich allerdings nie gemacht habe, ich habe nie meine kleinen
Mackepillen ( mein ganz privater Name für meine Antidepressiva Tabletten) liegen gelassen. Diese habe ich sehr brav
und regelmäßig immer gegessen. Als es im letzten Jahr immer schlechter mit meinem Gemütszustand wurde, habe ich
die Dosierung sogar von meinem Hausarzt erhöhen lassen. Auch wenn ich dadurch nicht gesund wurde, helfen meine kleinen
Pillen jedoch, jeden Tag in der Öffentlichkeit zu überleben. Wenn der Pillenspiegel stimmt, merkt mir Niemand meinen
wahren Zustand an. Zusammenklappen kommt immer erst wenn ich allein in meiner Wohnung bin. Allerdings hält der Zustand
bei Nichteinnahme meiner Pillen man gerade noch höchstens 3-4 Tage und dann wird auch in der Öffentlichkeit mein wahrer
Zustand sichtbar. Da reicht es schon, mich in der falschen Tonart zu begrüßen und mir laufen ohne Chance auf Gegenwehr die
Tränen unkontrollierbar aus den Augen. Ich könnte hier jetzt noch viel mehr über meinen Zustand erklären, möchte aber auch
Niemanden langweilen. Wichtig ist vielleicht noch zu erwähnen, ich habe in den letzten 6 Monaten meine Wohnung nicht verlassen
können. Ich war meine eigene Gefangene, und nicht einmal in der Lage, mit Freunden oder mir gut bekannten Menschen zu telefonieren.

Wieder ist eine Zeit vergangen und ich habe noch nichts von dem umgesetzt, was ich mir vorgenommen habe/hatte.
Allerdings taste ich mich vorsichtig wieder an Menschen ran. Ich gehe also wieder raus, neuerdings auch schon bei Tageslicht. * lächelnd *
Ich habe gerade einige exzessive Tage bei Face Book hinter mir und bin in diese rechten Fallstricke geraten. Ich schwöre,
ich habe es wirklich nicht mitbekommen und mich so erschrocken über meine Blödheit!
Davon aber in einen meiner nächsten Beiträge.

Das war es

Wir liegen in den letzten Zügen, noch ganz knappe 3 Wochen und das Thema Maßnahme hat sich für die Computeria erledigt. Wir haben dann allein am Kotti ununterbrochen seit der Eröffnung Maßnahmen vom Jobcenter geleitet und begleitet. Mit meinen Worten, es war schrecklichschön! Ich habe ja in der Computeria eh eine Atemberaubende Zahl von Menschen kennengelernt aber von meinen Gästen möchte ich Heute nicht erzählen. Noch einmal zur Erinnerung, wir sind eine Tagesstrukturierende Maßnahme. Hier soll langzeitarbeitslosen wieder ein geregelter Tagesablauf angewöhnt werden. Ich bin in meinen Gedanken voll bei den Maßnahmen und ihren Menschen. Manchmal denke und fühle ich wie eine Mutter meinen Teilnehmern gegenüber und manchmal, möchte ich sie alle in einen Sack stecken und in den nächsten Fluss werfen.
Was mich nun wirklich traurig macht, ist die Tatsache, einige werden nicht nur in ein Loch fallen und sich nur schwer wieder daraus holen. Nein einige werden wirklich lange Zeit da auch nicht mehr raus kommen!
Es gibt die Bestimmung, nach 2 Jahren Maßnahme, müssen 5 Jahre Pause eingehalten werden! Ich kann mir nicht wirklich vorstellen, dafür eine fachlich und sachlich gute Begründung für zu finden. Aber mich fragt ja eh keiner!
Da haben wir z.B. Siegfried, er kam zu uns in die Maßnahme, war sehr scheu, völlig zu und konnte niemanden ins Gesicht schauen. Rhetorisch total aus der Übung, trug er nur Kapuzenshirts soweit in das Gesicht gezogen, das man seine Augen nicht sehen konnte. Er wird hier rausgehen und für lange Zeit nicht zu gebrauchen sein. Brauchte er einige Zeit um sich hier wohl zu fühlen, gern hier her zu kommen, ist seit ca. 6 Wochen sein Rückzug zu bemerken. Hat er länger als 1 1/2 Jahre keine Kapuzenshirts mehr getragen, sind sie jetzt wieder da. Er ergreift nicht mehr das Wort, sitzt einfach nur da und ist wieder auf dem Weg in sich rein! Ein noch junger Mann, aus einem Elternhaus, wo die Eltern schon bei der Geburt des Kindes „ alt „ gewesen sind. Durch Körperlänge und Umfang schon optisch aus der Reihe fallend gibt es noch so manches Handicap, was der junge Mann mit sich rumschleppt. Er wird nicht in den 1. Arbeitsmarkt vermittelt werden ( können ), er wird wahrscheinlich nicht einmal einen Vollzeitjob bekommen oder annehmen können und er weiß das!
Warum kann er nicht weiterhin wenigstens Maßnahmeteilnehmer sein?
Von allen Teilnehmern sind leider auch 3 Menschen nicht mehr unter uns, Abschiede die weh getan haben!
Wir konnten auch 3 Menschen in den 1. Arbeitsmarkt vermitteln, wo einer sogar über 2 Jahre gehalten werden konnte!
Immer noch habe ich für mich nicht wegstecken können, wie hoch doch der Anteil an Suchterkrankungen ist, Alkohol und auch Drogen. Leider sind hierbei die Frauen in der überzahl. Als wichtige Beobachtung empfinde ich noch, keiner der vielen Teilnehmer ist ein sogenannter Mainstreammensch, wirklich jeder von ihnen ist so speziell, das man jeden wirklich als einen besonderen Menschen betiteln kann. Auch noch nach jahrelanger Arbeitslosigkeit.
Für mich kann ich abschließend sagen, nie mehr mit Langzeitarbeitslosen wenn mehr als 3 auf einem Haufen sind, aber ich möchte auch keine Stunde von dieser Zeit missen! Ich habe viel gelernt, liebe und weniger liebe Menschen getroffen und 2 Menschen in mein privates Umfeld aufgenommen. Es war eine schrecklichschöne Zeit!

Frühling 2014, ein trauriger Jahresstart!

Der nette freundliche ältere Herr, ist nicht mehr unter uns, er hat 3 Wochen hart kämpfen müssen und seinen letzten Kampf dann
doch verloren! Er fehlt, er fehlt als Mensch, er fehlt als Chef und er fehlt mir. Mir fehlt er als Freund, als Mensch und als Mann an
meiner Seite! Es war so eine schöne Geschichte, dieses langsame herantasten, diese ersten Versuche, die ersten gemeinsamen Abende,
dieses ankommen und zusammenbleiben, es war wirklich schön!

Die Maßnahme läuft weiter, sie ist jetzt wieder für ein Jahr bewilligt. Die Teilnehmer, die demnächst ihre 2 Jahre Maßnahme hinter
sich haben, werden aussteigen und ersetzt werden. Ich mache mir so meine Gedanken über die ausscheidenden Teilnehmer, sie
werden in ein tiefes Loch fallen und nicht jeder wird sich da wieder rausholen können. Leider sind da Menschen dabei, die vor
den 2 Jahren Maßnahme schon in einer Depression gewesen sind. Ich habe wirklich die Befürchtung, einige werden auf Grund der Beschäftigungslosigkeit und dem Wegfall des Geldes was es für die Teilnahme an einer Maßnahme doch gibt wieder in eine Depression
fallen. Leider interessiert das niemanden.

Ich habe hier schon so viele Fragen gestellt, die neue Frage, die ich habe, brennt mir wirklich unter den Nägeln!
Was, wie viel und aus welchen Gründen muss ich als deutsche bzw. europäische Frau, mir von muslimischen Männern gefallen bzw.
bieten lassen? Diese Frage ist wirklich ernst gemeint, bevor ihr euch mit gutgemeinten Ratschlägen sozusagen die Klinke in die Hand
gebt, ich lebe und arbeite in Berlin Kreuzberg und so langsam aber sicher, gehöre ich hier einer Minderheit an.
Diese missachtende nonverbale Kommunikation, die kennt man als Frau schon seit Jahren und kann damit umgehen. Aber diskriminierende Respektlosigkeiten nur weil ich eine Frau bin, ist für mich eine neue Variante und ich will mich daran nicht gewöhnen! Ich bin doch in
einem Land groß geworden, wo Frauen respektiert werden, wo Frauen gleichberechtigt sind, wo Frauen als Menschen geachtet werden.
Nur weil es inzwischen in Berlin Kreuzberg mehr muslimische Männer gibt als europäische Frauen, denke ich nicht einmal im Traum daran,
den Mund zu halten! Und wenn es dann muslimische Männer gibt, die in der Maßnahme Teilnehmer sind, erwarte ich ganz einfach auch in
meiner Rolle als Maßnahmeleitung akzeptiert zu werden. Ich lasse Ansagen wie „ ich lehne auf Grund meines Glaubens eine Frau als Chef ab „ nicht gelten!

Ein Glück, der Frühling ist noch nicht zu ende!

Habe ich es doch mal wieder völlig verpeilt, euch an meinen Gedanken teilhaben zu lassen.

Das Jahr geht so langsam doch dem Ende zu

die Maßnahme vom Jobcenter läuft Ende Januar aus. Die neue Maßnahme fängt im März 2014 an und wir wissen, wie es weitergeht.
Das bedeutet, hier geht es erst einmal weiter, wobei es nicht sicher ist, ob die beiden anderen Computerien in Charlottenburg und
auch die in Wilmersdorf ebenfalls bestehen bleiben können. Ich werde euch berichten.

Ich denke ja, Ihr die ihr mich lest, seid alles oder wenigstens überwiegend Menschen, die etabliert sind. Die ihren Platz gefunden haben
und aus ihrem Leben eben das Bestmögliche gemacht haben. Trotzdem erzähle ich Euch immer wieder von denen, die ihren Platz vielleicht verloren haben oder auch nie einen wirklichen gefunden hatten. Menschen, die gestolpert sind auf ihrem Weg oder nicht in der Lage
waren ihre Chancen zu nutzen. Menschen, die Langzeitarbeitslose genannt werden oder noch schlimmer, Menschen die obdachlos geworden
sind oder Menschen, die hier ankamen und versuchen wollten, hier ihr persönliches Stück Glück zu finden und es einfach nicht schafften.
Ich weiß nicht, wie Ihr durch den Alltag lauft, ob Ihr rechts und links diese Menschen, wenn sie Euch begegnen, wahrnehmen könnt, ob
sie Euch auffallen. Mir fällt jedenfalls auf -es mag daran liegen, wo ich arbeite und lebe – es werden mehr und nicht weniger!
Die Menschen werden härter, vielleicht auch nur, weil es auch ihnen nicht mehr so ganz toll geht. Aber hier in Kreuzberg ist es wirklich
auffällig, Hier redeten die Menschen auch auf der Straße mehr als anderswo miteinander, hier gaben die Menschen eher mal nen Fuffziger
als anderswo, hier schenkten und verschenkten die Menschen eher und mehr als anderswo. Mir fällt es aber wirklich auf, es ist auch hier in Kreuzberg nicht mehr so. Hier in Kreuzberg und auch in Neukölln, war immer ein anderes sich“ umeinander kümmern“, hier wusste „ die Schmitt’n, immer wo die Krause denn abgeblieben war“ und das ganz sicher nicht, weil übereinander nur getratscht wurde. Nein, es gehörte einfach dazu, aufeinander, wenn auch versteckt, aber doch aufeinander zu achten. Heute treffe ich „die Schmitt’n und frage nach der Krause
und bekomme als Antwort: „det weß ick nich, habe ick schon ewich nich jesehn“. Das macht mich traurig und bedrückt, da wird über einen geschlossenen Flughafen, ich meine den in Tempelhof, geredet und was sonst noch für ehemalige sogenannte Wahrzeichen Berlins flöten geht. Dabei ist das, was hier verlorengeht viel mehr das Berlin, was unwiederbringlich ist. Wollen wir das nicht mehr bemerken oder können wir es wirklich nicht mehr spüren?